365round

Sex, Drugs und Rock'n Roll

April 5, Seattle, Washington, USA

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10 Wochen Wahnsinn. So könnte man das Quarter System an amerikanischen Hochschulen beschreiben. Ich belege drei Kurse, lese 400-500 Seiten die Woche (darunter Schmankerl wie Aristoteles), schreibe mindestens 30 Seiten Essay und nehme in regelmäßigen Abständen an Klausuren teil, die abfragen, ob ich auch wirklich an den 400-500 Seiten gescheitert bin, oder wider Erwarten meine komplette Freizeit dem Bildungssystem geopfert habe. Nur zur Erinnerung: Dies ist meine drittes Quarter in der Intensität und ich laufe auf meinen Energiereserven. Einheimische Studenten machen das 4 Jahre lang mit und arbeiten nebenbei Vollzeit um über die Runden zu kommen. Sommerferien = Fehlanzeige, da macht man Praktika um sich für den Wahnsinn nach dem Studium zu qualifizieren. Falls ihr, liebe Leser, noch darüber nachdenkt warum es an amerikanischen Universitäten wohl ab und an zu Amokläufen kommt – ich denke der begrenzt erträgliche soziale Druck ist eher dafür verantwortlich als lockere Waffengesetze.

Während ich also ein Buch über den unmenschlichen, amerikanischen Arbeitsmarkt für einen Kurs lese, fällt mir nicht zum ersten Mal auf, dass ich schon mittendrin bin. Leider ist das eine Verbindung zur realen Welt die in Kursen an der University of Washington nicht geknüpft wird. Wahrscheinlich haben meine Kommilitonen einfach zu wenig Zeit dazu. Stattdessen lesen sie über demokratischen Despotismus, nicken, kommentieren und hoffen, dass sie durch eifrige Kopfbewegungen eine gute Beteiligungsnote bekommen, da sie sonst auf den gnadenlosen Müllhaufen der Gesellschaft geworfen werden und für 7 Dollar die Stunde ohne Rechte knechten dürfen. Da ich natürlich gescheite Noten mit nach Hause nehmen will mache ich fleißig mit. Eine Lehre habe ich allerdings aus meiner Zeit hier gezogen: Uns in Deutschland geht es vergleichsweise gut und es ist wichtig, dass wir, Studenten, Eltern und Sympathisanten dafür sorgen, dass dieser Wahnsinn bei uns nicht Fuß fasst, auch wenn er bereits weit auf dem Vormarsch ist (siehe Bachelor/Master und Exzellenzinitiative).

Tut mir auch leid, wenn mein heutiger Beitrag kein entspannter Reisebericht ist, aber ich bin ja nicht zum Vergnügen hier, jedenfalls nicht nur. Nebenbei bin ich mal wieder umgezogen und nächste Woche werde ich ein bisschen schwänzen und nach New York fliegen. Im Gepäck: 400-500 Seiten und eine Menge Stoff für Reflektion.

Jetzt muss ich leider los – zur Vorlesung.

Written by round365

April 5, 2011 at 9:28 pm

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One Response

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  1. Ich freue mich sehr über diesen Beitrag und bekomme doch etwas Angst, hoffe aber unsere Protestkultur und unser gesunder Menschenverstand (auch der in den entscheidenden Etagen) wird vergleichbares verhindern.
    Lass dich nicht unterkriegen und bleibt reflexiv ;).

    Micha

    April 6, 2011 at 12:12 pm


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